Die Bäume im Atemraum

 
 
 
 

Liebe Leser,

nach der Beschreibung der Lunge, als unser Instrument für die Atmung möchte ich in diesem Artikel mit euch gemeinsam den Blick nach außen zu unserem Atemraum richten. Dank unserer Pflanzenwelt erhalten wir den Sauerstoff, den wir mit jedem Atemzug aufnehmen, über den Luftraum. Er bildet die geeignete Sphäre, die unser Leben atmend trägt und erhält. Ich möchte euch anregen auf Wanderungen und Spaziergängen einen offenen, aufmerksamen Blick zu den Bäumen zu richten. Dadurch erhalten nicht nur wir von ihnen, sondern auch sie, über das Licht unserer wachen Aufmerksamkeit, eine Gabe von uns. Es gibt den Brauch zur Geburt eines Kindes ein Bäumchen zu pflanzen, um das Wachsen und Älter werden gegenseitig zu erleben. Über den Luft-Atemprozess und seelisch sind wir nahe mit den Bäumen verbunden.

Unser Land, als „grünes Land“ bekannt und wertgeschätzt, ist besonders durch seine großflächigen Waldregionen geprägt. In den Mittel- und Hochgebirgen leben vorwiegend die immergrünen Arten der Nadelbäume, während die tieferliegenden Regionen mehr ein geeignetes Lebensfeld für den sogenannten Mischwald bieten. Bei unseren Waldaufenthalten erleben wir die regenerierende Kraft der gesunden Waldluft und wissen, dass die Bäume uns den Lebensstoff spenden. Gleichzeitig besteht jedoch die Sorge um die Gesundheit unserer Bäume selbst und wir bemerken bei unseren Waldbesuchen doch auch, dass der Baumbestand seit mehreren Jahren durch verschiedene Einflüsse immer stärker gefährdet ist. 

Über einige Wochen habe ich die Linde und die Fichte aufmerksam in Form, Gestalt und Wachstum beobachtet und sie mit Fragen und Gedanken* zu ihrer Gattung und zu ihrem inneren Wesen studiert. Ein paar dieser erworbenen Eindrücke möchte ich euch hier beschreiben.


Kleiner Steckbrief zur Linde – Tiglia

An besonderen Plätzen in kleinen Städten und Dörfern, neben Kirchen und Kapellen fand ich mehrmals eine alte Linde stehen. Oft war die Stammmitte schon hohl und ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters trieben viele kräftige, neue Triebe und Äste aus und verjüngten wiederum die alte Baumgestalt. Wenn es die Tage um Johanni waren hörte ich schon von weitem ein Tönen und Summen von tausenden Bienen, Hummeln und anderen Insekten um die blühende Baumkrone herum und roch einen süßen, betörenden Duft von ihren Blüten ausströmen.

Die Linde kann ein hohes Alter erreichen. Eine 500 Jahre alte „Tassilolinde“ steht im Pfaffenwinkel bei Wessobrunn/Bayern und einzelne, andere Exemplare zeigen bis zu 1000 Lebensjahren auf. Wie kann dieses hohe Alter erreichbar werden? Es ist nicht das Holz der Linde, das so fest und haltbar wäre. Im Gegenteil ist dies mehr ein leichtes, helles Holz, das sich gut zum Schnitzen eignet. Aus dem Lindenbast, der weichen Innenseite der Rinden, wurden in früheren Zeiten Naturschnüre hergestellt und zu Matten und Kleidung verarbeitet. Das, was der Linde ein hohes Alter beschert, liegt in der besonderen Kraft zum ständigen Neuaustrieb. Nahe um den Stamm herum und auch im Wurzelbereich ist bei den Linden bis ins Alter ein sogenannter Stockausschlag mit vielen Neutrieben sichtbar. Wird sie im Astbereich beschnitten, erfolgt unmittelbar ein verstärkter Austrieb zu neuem Wachstum. Der Baumforscher Jan Albers Rispens* benennt als eine Wesensart der Linde ihre „ewige Jugend“.

Bis zu 40 Meter Höhe kann der Baum erreichen. Seine Blätter sind herzförmig, wobei die Sommerlinde größere Blattformen als die Winterlinde aufweist. Das helle, lindgrüne Flügelblatt ist mit dem gelbgrünen Blütenstand verwachsen und sie schenken uns in ihren zarten Farben den milden, warmen Ausdruck der Linde. 

Interessant an der Lindenfamilie ist, dass sie erst spät im Frühjahr zu Blühen beginnt. Für die Bienen ist das sehr bedeutsam, in dieser Zeit ab Ende Mai bis zu Johanni hin nochmal eine große Tracht mit den Lindenblüten einbringen zu können. Die Linde treibt im Licht- und Wärmeeinfluss der schon kräftig gewordenen Frühjahrsonne ihre Blüten aus und zieht mit starkem Duft die Insektenwelt an. Der Lindenblütenhonig und der Tee aus den Lindenblüten, der besonders die Wärmebildung bei uns Menschen heilend anregt, sind eine besondere Gabe des Baumes an uns. Ihre reifen Samen geben ein zitronengelbes Öl von ausgezeichneter Qualität.

Lind heißt im deutschen Wortschatz angenehm, mild, sanft, das Gegenteil von rauh. Lind wirkt das helle, sanfte Gelbgrün der Blüten und ihrer Flügelblätter im Sommer. Das Lindenblatt selbst gibt das Licht der Sonne weiter, es wirkt weich, nie schwer. Der Raum unter der Linde ist ein Raum von Ruhe, Wärme und regt an zu innere Einkehr. Im Schatten manch alter Linden traf man sich in früheren Zeiten zu Gerichtsverhandlungen und wichtigen Konferenzen. Es war wohl das intuitive Vertrauen, dass die Justiz in der Nähe des Baumes zu einem gerechten und weisen Urteil gelange.


Kleiner Steckbrief zur Fichte
– Picea abies

Obwohl uns die Fichte in all unseren Wäldern zahlreich begegnet, ist sie von ihrer wirklichen Art ein Baum der Mittel- und Hochgebirge, der in einer niederschlagreichen Region ab einer Höhe von 600 Metern und mehr gut gedeiht. Je nach Standort kann sie eine Höhe von 40 bis zu 50 Meter erreichen und unter idealen Bedingungen bis zu 600 Jahre alt werden.

Auffallend ist der kerzengerade Stamm, der sich nicht - wie bei den Laubbäumen - mit seinen Ästen stark nach außen verzweigt. Das Streben in die vertikale Richtung ist vorherrschend und beeindruckend. Erst bei älteren Fichten sehen wir, dass sie ihre Wachstumskräfte vereinzelt in einige Seitenäste hineingeben und fast einen zweiten Stamm bilden. Im Verhältnis zum Stamm sind die Äste der Fichte eher schwach ausgebildet. Sie breiten sich sternförmig und rhythmisch vom Stamm zur Seite hin aus.

Das Ansetzen der Äste in Sternform wird bei den Nadelbäumen Wirteln genannt. Klare Formung, Rhythmik, Struktur und das stark vertikal ausgerichtete Wachstum fallen in der Beobachtung auf. Jeder Wirtel zeigt ein neues Jahr an.

Die Nadeln der Fichte werden zwischen 7 und 14 Jahre alt. Sie setzen rundherum um die neuen Ästchen und jungen Stämmchen an und geben der Fichte ihr immergrünes „Blattkleid“. Im Mai, wenn sie in frischem Grün aus den Knospen sprießen – genannt Maiwipfelchen – geben sie der ganzen Peripherie des Baumes ein frisches, helles Aussehen. Schon im Sommer gewinnt dann das Nadelkleid seine dunkelgrüne, ernste Farbe. Vielzahlig sind die Nadeln angelegt und bilden somit eine große „Blattfläche“, die mit der Luft und dem Sonnenlicht in Berührung und Austausch steht und uns das O2 spendet. 

Als Nadelbaum bildet die Fichte keine typische Baumkrone aus, wie wir es von den Laubbäumen kennen. Sie wächst in kegel- oder walzenförmiger Gestalt und unterscheidet sich innerhalb ihrer Familie durch eine mehr schlanke oder in die Weite ausladende Form ihrer Äste. Unter der Erde bildet sie sogenannte Tellerwurzeln. Das bedeutet, dass ihre Wurzeln in der Humusschicht verbleiben und sich für ihren Halt mehr in die Weite als in die Tiefe verzweigen. In den Gebirgsregionen sehen wir oft, wie ihre kräftigen Wurzeln Gestein und große Felsbrocken umschlingen.

Geschichten zum Holz der Fichte:

In unseren Wäldern wurde die Fichte zum Holzgewinn in Monokulturen angebaut, da sie schnell wächst und wenig Ansprüche an den Boden stellt. Dadurch ist sie als Flachwurzler bei Stürmen sehr umsturzgefährdet. In engen Reihen stehend, eine Fichtenstange neben der anderen, die unteren Äste wegen Lichtmangel schnell entnadelt, gibt uns diese Art der Anpflanzung keinen erfreulichen Anblick. Ihre Nadeln sind in großen Mengen für den Waldboden zu sauer. Sie verrotten nur langsam und es kann sich kein guter Humus mehr bilden.  Ein Umdenken, hin zum Mischwald, hat schon begonnen und kommt mehr und mehr in die Umsetzung.

Denken wir uns in die Jahre um 1700 oder noch etwas früher zurück in die Regionen der südlichen Alpen. Da zogen Männer mit Äxten in die Natur, um besondere Fichten zu finden. Sie klopften an das Holz der Stämme und lauschten auf das Tönen des Holzes, als könnten sie hören, ob es geeignet für ihre Arbeiten sei. Lange konnte es da dauern, bis der richtige Baum gefunden wurde. Denn nur das beste Fichtenholz, das von langsamem Wuchs abstammt, konnte als Klangholz für die berühmten Geigen von Stradivari und Amati dienen. Bis heute werden für den Geigenbau vorwiegend Fichte und Ahorn verwendet.

Auf meinen Wanderungen in den Bergen traf ich einige besondere Nadelbäume an, die mir ihre Geschichten von starken Sturmböen und eisigen Wintertagen erzählten. Eine Fichte kann ihren vegetativen Prozess mehr nach innen konzentrieren und damit Temperaturen bis minus 40 Grad überstehen. Ich sah einige Exemplare, die ihre individuelle Gestalt über Jahre hinweg dem Wind und Wetter „abtrotzten“. Meine Empfindung war, dass uns hier die Fichten erst ihre eigentliche Kraft offenbaren. Mit Zeit und Ruhe beobachtete ich ihre Form und stellte sie mir innerhalb der verschiedenen Jahreszeiten vor. Eine Art Zeitlosigkeit, Ernst und Stille berührte mich. Ich reflektierte den Prozess, wie sie täglich mit dem Licht und der Wärme der Sonne in Beziehung stehen und ihre Umgebung mit Sauerstoff und Feuchtigkeit anreichern. Mir wurde bewusst, wie wir über den Luftraum und die Atmung unmittelbar mit ihnen verbunden sind. 

Viele Grüße

Ulrike Mayr


* Literatur: Bäume verstehen lernen/ Bäume sprechen lassen – Jan Albert Rispens